Ein Pyrrhussieg zum Nachdenken

Der Schiedsrichter stand an diesem Tag im Mittelpunkt

Der Schiedsrichter stand an diesem Tag im Mittelpunkt

Am ersten Spieltag der mittleren 11er-Staffel der B-Juniorinnen, MB02, empfing die zweite Mannschaft des HSV den TSV Reinbek. Hätte man allerdings vorher geahnt, was für ein Spiel das werden würde, hätte man seinen Sonntagvormittag besser anders verbringen können. Schuld an diesem Umstand waren beide Teams, aber auch ein völlig überforderter junger Schiedsrichter von Eintracht Norderstedt.

Vanessa Buhk war bei Jasmin Lüdemanns unberechtigtem Elfmeter chancenlos.

Vanessa Buhk war bei Jasmin Lüdemanns Elfmeter chancenlos.

Zunächst zum Sportlichen. Die Gäste aus Reinbek erwischten den besseren Start, waren deutlich engagierter als der HSV und lauterten auf lange Bälle hinter die Abwehr, die schon in dieser Anfangsphase wackelte. Aber die erste Möglichkeit bekam der HSV. Im Laufduell mit Francesca Sohn kam Chiara Ernst im Strafraum zu Fall, und Schiedsrichter Özkartal entschied fälschlicherweise auf Strafstoß. Jasmin Lüdemann trat vom Punkt an und überwand Vanessa Buhk zum 1:0 (10.). Das war gleichzeitig die Initialzündung für ein Spiel, das so niemandem gefallen haben konnte. Doch zunächst reagierte der TSV mit Angriffen auf das HSV-Tor. Julia Günther musste sich für die Parade ganz lang machen, als Didem Sahin nach Hereingabe von Stephanie Krohn den Ball mit der Spitze verlängerte (11.). Zwei Minuten später setzte Fabienne Winter rechts Michelle Boll ein, die dort völlig blank war, doch Sahin rutschte an der Flanke vorbei (13.). Dann aber klappte es für Reinbek. Ein Abstoß landete direkt bei Sahin, die es sofort versuchte. Günther klatschte zur Seite ab. Kim-Jana Boldt bekam die Nachschusschance, wieder war Günther mit einer Hand dran, doch Sahin staubte schließlich zum 1:1 ab (14.).

Chiara Ernst schirmt den Ball gegen Julia Stangenberg ab. Sekundenbruchteile später wird sie im Strafraum gefoult, der Schiedsrichter verlegt das Geschehen nach außerhalb.

Chiara Ernst schirmt den Ball gegen Julia Stangenberg ab. Einen Hauch später wird sie im Strafraum gefoult, der Schiedsrichter verlegt das Geschehen nach außerhalb.

Der HSV stand hinten nicht gut, war zudem langsamer als die Gegenspielerinnen. Und sie waren auch nicht geistesgegenwärtig. Bei einem langen Ball ins vermeintliche Nichts schalteten fast alle Hamburgerinnen einfach ab und staunten dann nicht schlecht, als Boll das Leder erlief. Nur Lena Nickels hatte mitgedacht und klärte immerhin zur Ecke. Diese und ähnliche Szenen brachten Trainer Thorsten Wolff auf die Palme. Sein Team wirkte träge und gedanklich überhaupt nicht auf Fußball eingestellt. Unkonzentriertheiten begünstigten einen Gegner mit viel Einsatz und beschränkten Mitteln. Reinbek war heiß wie Frittenfett, und das reichte, um einen HSV, der sich schlichtweg nicht als Mannschaft präsentierte, zu beeindrucken. Die Gäste schalteten bedeutend schneller zwischen Abwehr und Angriff um als die Platzherrinnen. Aber auch sie leisteten sich Dummheiten. Dass die ungestraft blieben, lag am Schiedsrichter, der nun völlig die Orientierung verlor. Rechts im Reinbeker Strafraum grätschte Sohn überdeutlich sichtbar Ernst um. Schiedsrichter Özkartal pfiff – und gab Freistoß für Reinbek, nachdem er Laura Postels vom HSV Gelb gezeigt hatte, nachdem sie eine Karte dieser Farbe für Sohn gefordert hatte. Damit lag er zwar richtig, dass es aber mit Freistoß für die Gäste weiter ging, kann man nur im günstigsten Falle als Konzessionsentscheidung bezeichnen. Der Spielleiter sorgte dafür, dass sich die Emotionen aufschaukelten. Die Folge: Nach einer Beleidigung in Richtung Postels sah Reinbeks Innenverteidigerin Julia Stangenberg in der 30. Minute glatt Rot! Nun kam vom Reinbeker Trainer die Forderung: „Und die andere kriegt nichts?!?“ Ein konsequenter Spielleiter hätte auch das mit Konsequenzen belegen müssen, dieser hier tat es nicht, aber das dürfte auch niemanden verwundert haben.

Chiara Ernst schießt zum 3:2 ins lange Eck

Chiara Ernst schießt zum 3:2 ins lange Eck

Der HSV tat sich gegen dezimierte Gäste schwer, kam aber in der 37. Minute über links. Die eingewechselte Laura Fischer bediente Jasmin Lüdemann. Die dribbelte zur Torauslinie und flankte kurz in den Fünfer. Buhk boxte zu kurz weg, aber genau zu Fischer. Die war vor ihrer Gegenspielerin an der Kugel und traf mit links ins kurze Eck zum 2:1 (37.). Und sie versuchten nachzusetzen. Steilpass von Kira Juhl steil auf Ernst, nach Fehler von Sohn zog die zum Tor, wurde aber von Buhk gestoppt. Deren Abwehr landete direkt bei Fischer, der Schussversuch geriet aber zu kurz und war dann für die Torhüterin keine Prüfung (38.). Die Antwort des TSV: In der Vorwärtsbewegung schoss Lüdemann Jana Ehlers an. So kam Reinbek in Ballbesitz, Steilpass auf Sahin, und die schoss aus 25 Metern im Fallen an Günther vorbei links zum 2:2 ins Tor (40.)! Tore in Überzahl sind immer unnötig. Aber es war noch nicht Pause. Steilpass aus dem Mittelfeld auf Ernst, die war schneller als Vera-Louise Nitsch und schoss ins lange Eck zum 3:2 ein (40.+2).

HSV-Coach Thorsten Wolff, angesäuert ob der Spielweise seines Teams

HSV-Coach Thorsten Wolff, angesäuert ob der Spielweise seines Teams

Reinbek war in Unterzahl nicht schlechter als der HSV. Coach Thorsten Wolff schlug hin und wieder die Hände über dem Kopf zusammen. Und war sauer. Die Ansprache in der Halbzeit war entsprechend deutlich und laut. Er rügte vor allem läuferische Defizite und ein völlig anderes Gesicht als in der Vorwoche: „Man kann doch nicht in einer Woche alles verlernt haben?!“ Seiner Ansicht nach ließ sich sein Team vorführen. Viele Aktionen sahen auch eher aus wie weder gewollt noch gekonnt. Sie ließen keine spielerische Qualität, keine Ordnung oder Übersicht erkennen und ließen sich zu sehr vom erschreckend schwachen Schiedsrichter irritieren. Reinbek war engagierter und aggressiver, von daher war das 3:2 aus HSV-Sicht extrem schmeichelhaft.

Doppeltorschützin Didem Sahin bekam oft zu viel Platz

Doppeltorschützin Didem Sahin bekam oft zu viel Platz

Für die zweite Halbzeit erwartete Wolff eine klare Leistungssteigerung. Und zunächst schien es sie auch zu geben. Buhk musste einen 20-Meter-Flachschuss von Lüdemann abwehren (42.) und auch kurz darauf eingreifen, als Ernst nach langem Ball von Melanie Bischoff aus 15 Metern frei zum Schuss kam (43.). Offenbar wirkte sich nun die Unterzahl der Gäste aus, und der HSV gewann mehr Zweikämpfe. Nur der Killerinstinkt fehlte. Juhls Einwurf rechts kam zu Ehlers in den Strafraum. Nach Fehler von Sohn spielte sie weiter auf Fischer. Deren überhasteter Abschluss ging freistehend vom Elfmeterpunkt drüber (48.). Reinbek wurde wieder stärker. Krohn marschierte 30 Meter über links und zog dann aus zwanzig Metern ab. Günther klatschte abermals ab vor die Füße von Sahin, aber die ballerte freistehend über das leere Tor (52.). Nur eine Minute später schoss Boldt aus ähnlicher Position wie zuvor Krohn rechts vorbei. Der HSV verfiel nach zehn guten Spielminuten wieder in den alten Trott. Eine Hereingabe von Krohn kam irgendwie durch, und wieder war Sahin da – klar links vorbei (60.). Glück für den HSV.

Antonia Leiseder vergibt die große Chance zum 3:3

Antonia Leiseder vergibt die große Chance zum 3:3

Diese Partie ging an die Nerven. Auch die ambivalente Regelauslegung des Spielleiters. Und mit der eingewechselten Vivien Knobloch, Schwester der Zweitbundesligaspielerin, gingen die durch. Als eine Entscheidung nicht nach ihrem Gusto war, konnte sie ihr Mundwerk nicht im Zaum halten – und sah wie Stangenberg in Durchgang eins glatt Rot! Ein dummer, weil unnötiger Platzverweis. Danach kam ihr Team wieder zu einer Gelegenheit. Halbrechts spielte Ernst Nitsch aus, doch ihre Hereingabe wurde abgewehrt. Sie setzte nach, kam mit links zum Abschluss, aber der fand nur die Arme der Torhüterin.  Auf der anderen Seite hatte die eingewechselte Antonia Leiseder die Großchance zum 3:3. Sie kam allein durch, zog aus 16 Metern ab, doch der Schuss verfehlte den linken Pfosten nur ganz knapp (68.).

Zweikampf zwischen Laura Fischer und Nadine Herwig

Zweikampf zwischen Laura Fischer und Nadine Herwig

Die Entscheidung zugunsten des HSV fiel neun Minuten vor dem regulären Ende. Nach Hereingabe von Kira Juhl steckte Ehlers mit einem Lupfer durch, und Postels hob das Leder vor Nadine Herwig und Keeperin Buhk mit der Fußspitze zum 4:2 ins Netz. Das machte auch die Schlussphase leichter, denn Reinbek mühte sich zwar, litt jedoch unter dem Kräfteverschleiß und konnte nicht mehr antworten. Eine Hereingabe von Bischoff war sichere Beute für Buhk. Und in der 4. Minute der Nachspielzeit passte Lüdemann hinter die Abwehr, Yara Kappes rauschte heran und spitzelte das Spielgerät vor der Abwehrspielerin knapp rechts am Kasten vorbei. Direkt danach war Feierabend. Endlich!

Befreiungsschlag von Jasmin Lüdemann vor Pia Schedlbauer

Befreiungsschlag von Jasmin Lüdemann vor Pia Schedlbauer

Diese Partie verdiente keinen Sieger, und sie hätte in dem Wissen, wie es wurde, gar nicht erst angepfiffen werden sollen. Es war „Fußball“ zum Abgewöhnen, geprägt von einem Schiedsrichter, bei dem man nicht weiß, ob die Wahrnehmung verschoben ist oder zwischen dem Lesen und Verstehen der Fußballregeln eine Diskrepanz liegt. Aber das betraf nicht nur ihn. Einige Beteiligte beider Seiten inklusive Spielleiter sollten sich doch mal kritisch hinterfragen, ob Fußball als Sportart für sie geeignet ist. Immerhin: Nach dem Spiel gab es zwischen den Teams doch ein Händeschütteln. Ob auch mit dem Schiedsrichter?


Statistik:

Hamburger SV II.: Günther – Wiering, Nickels, Schlemmer, Treu – Bischoff, Ehlers, Lüdemann, Juhl – Postels, Ernst — Eingewechselt: Fischer, Knobloch, Harms, Kappes

TSV Reinbek: Buhk – Nitsch, Stangenberg, Sohn, Herwig – Krohn, Schedlbauer, Winter, Boll – Sahin, Boldt — Eingewechselt: Janssen, Johanning, von Mirbach, Leiseder

Schiedsrichter: Ensar Özkartal (Eintracht Norderstedt)

Tore: 1:0 Lüdemann (10., Foulelfmeter), 1:1 Sahin (14.), 2:1 Fischer (37.), 2:2 Sahin (40.), 3:2 Ernst (40.+2), 4:2 Postels (71.)

Gelbe Karte: Postels (28. Minute, wegen Meckerns) / –

Rote Karten: Knobloch (63. Minute, wegen Schiedsrichterbeleidigung) / Stangenberg (30. Minute, wegen Beleidigung)


Herzlichst,
Euer Fuxi

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