Nachgebloggt (6)

Eine arbeitsame Woche ist vorbei, und ich komme endlich mal wieder zum Bloggen. Gibt auch eine Menge aufzuarbeiten.

Allen voran die Geschichte „JAKO vs. Trainer Baade“. Und in diesem Falle ist ein Segen, jetzt erst etwas dazu zu sagen, ohne Emotionen ganz nüchtern diese Story aufzuarbeiten.

Was ist passiert? Trainer Baade zog in seinem Blog über das neue Logo des Sportartikelherstellers JAKO und das Unternehmen her. Was ich so herauslesen konnte, war ein fäkalsprachliches Wort dabei, sowie der Vergleich JAKOS mit zwei bekannten Discountern (Feinkost Albrecht und der Angestelltenschnüffler) und eine anscheinend abwertend gemeinte Fantasiebezeichnung. Dafür wurde er wegen „unzulässiger Schmähkritik“ abgemahnt, und sein Anwalt machte aus einer Forderung von über 1.000 Euro immerhin knappe 400.

Alles erledigt? Mitnichten. Einige Zeit später wurde die gleiche Äußerung im Web erneut entdeckt. JAKO-Anwältin Iris Sanguinette von der Kanzlei Horn & Kollegen verlangte wegen Verletzung der abgegebenen Unterlassungserklärung nun 5.100 Euro Vertragsstrafe plus Anwaltskosten und Abgabe einer neuen Unterlassungserklärung in Höhe von 10.000 Euro im Verletzungsfalle. Das Problem: Nicht Baade hatte die Äußerungen veröffentlicht, sondern der tschechische Newsaggregator Newstin. Baade sollte also für das Geschäftsmodell der Tschechen haften! Das rief die Bloggerszene auf den Plan.

Im Blog Allesaußersport gab es hierzu eine ausführliche Zusammenfassung, und binnen 24 Stunden zog der PR-Skandal seine Kreise. Und war nicht mehr aufzuhalten. Es gipfelte darin, dass selbst der Heise-Newsticker, Spiegel-Online und handelsblatt.com darüber berichteten. Erst da gingen bei JAKO alle Warnlampen an. Das war jetzt, verglichen mit den rund 400 Lesern des Baade-Blogs ein PR-Gau ganz anderer Güte. Immerhin setzte auch der Streisand-Effekt ein, denn jeder wollte ja wissen, warum JAKO gegen Baade vorgegangen war. Und erfuhr von den auf JAKO gemünzten Begriffen.

JAKO reagierte nun endlich. Mit einer Pressemitteilung. Die muss man allerdings erstmal auseinanderpflücken, um zu verstehen, wie ein solches Unternehmen versucht, die Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken.

„Wir haben überreagiert“

Eine freundliche Untertreibung, wenn man mich fragt. Wie hätte denn eine angemessenere Reaktion ausgesehen, um dem Blogger Baade die Spiegelung seiner Aussagen durch den tschechischen Newsaggregator anzulasten? Die richtige Reaktion wäre gewesen: Wir haben falsch reagiert.

„Der Fußballtrainer aus Nordrhein-Westfalen hatte das zum 20jährigen Firmenjubiläum kreierte neue JAKO-Logo mit Worten aus der Fäkalsprache kritisiert.“

Dem zufolge, was ich recherchieren konnte, genau mit einem. Was am Namen von Feinkost Albrecht oder dessen Konkurrenz fäkal sein soll, muss mir erstmal jemand erklären.

„Sie waren davon ausgegangen, dass sich der Hobby-Fußballtrainer nicht an die Absprache halten wollte und teilten ihm daher mit, dass bei einer schuldhaften Wiederholung der beanstandeten Aussagen eine erhöhte Vertragsstrafe anfalle.“

Zu deutsch: Sie konnten – oder wollten – den Ursprung der Wiederholung nicht recherchieren. Vielleicht konnten sie es auch nur nicht sehen, denn Eurozeichen in den Augen vernebeln bekanntlich den Blick. Wer es nicht glaubt, sollte mal bei der HRE oder IKB nachfragen. Die werden es bestätigen.

Die eigentlichen Hämmer, die zeigen, dass JAKO aus dieser ganzen Affäre eigentlich nichts gelernt hat, kommen jetzt.

„Erst hinterher stellte sich heraus, dass der tschechische Nachrichtenaggregator„Newstin“ den inzwischen von Baade gelöschten Text kopiert hatte und weiterhin verbreitete.“

„Hinterher“??? Lieber Herr Rudi Sprügel, Vorstandsvorsitzender der JAKO AG, bitte erklären Sie mir diese Aussage, denn ich verstehe sie nicht! Was soll das bedeuten?

Meinem Verständnis nach stellt es sich so dar:
Frau Sanguinette fand diese Äußerungen bei Newstin, dokumentierte diese per Screenshot und rief daraufhin bei JAKO an. Dort erzählte sie, dass sie die Äußerungen noch einmal im Web gefunden hatte und dass sich Baade nicht an die Unterlassungserklärung halten wolle, und fragte nach, ob sie dagegen mit der Vertragsstrafe vorgehen sollte. Dies wurde seitens JAKO bejaht, die Geschichte ging ihren Gang. Und erst durch den Aufschrei der Bloggerszene und die Presseberichterstattung fragte JAKO bei Frau Sanguinette nach, wo sie diese Äußerungen gefunden hatte und was dieses Newstin sei. Da erst wurde nachgeforscht, wie Newstin an diese Äußerungen gelangt sei, und begriffen, dass Baade damit nichts zu tun hatte. Frau Sanguinette hatte es also entweder  mangels Fähigkeiten oder unter Missachtung der nötigen beruflichen Sorgfalt unterlassen, die Herkunft der Wiederholung der Äußerungen zu recherchieren, es schlichtweg unterlassen, JAKO mitzuteilen, dass Baade an der Wiedergabe der Äußerungen durch Newstin keine Schuld trifft, oder das Zustandekommen der Newstin-Meldung zwar recherchiert, aber nicht verstanden. Und das ausgerechnet als Mitglied einer Kanzlei mit Schwerpunkt „IT-Recht“ und mit der eigenen Darstellung der „Mediatorin“ als besonderer Kompetenz.

Das ist nur eine Spekulation, aber ich kann mir keinen anderen Reim auf die Verwendung des Wortes „Hinterher“ in diesem Zusammenhang machen. Über die tatsächlichen Vorgänge lasse ich mich jedoch gern aufklären. Eine Mail genügt, Herr Sprügel.

Dann können Sie mir vielleicht auch erklären, warum Sie dann in Abkehr der Semantik des Wortes „überreagiert“ folgende Äußerung tätigten:

„Ohne die endgültige Klärung des Sachverhalts unter den Rechtsanwälten abzuwarten, alarmierte Baade daraufhin die Bloggerszene.“

Nun soll also Baade schuld sein? Pardon, aber das halte ich für eine äußerst lächerliche Schutzbehauptung. Denn fest steht: Die Niederschrift der neuen Vorwürfe hatte Baades Rechtsanwalt bereits erreicht, und man könnte sagen, dass es genau dieser Schritt Baades es war, der einen weiteren Rechtsstreit mit weiteren Kosten und ein hohes finanzielles Risiko für den Blogger abgewendet hat. Denn wenn Frau Rechtsanwältin Sanguinette das Auffinden der erneuten Äußerung als eigene Veröffentlichung wertet und Baade andernfalls zum Vorwurf macht, dass er das Internet nicht ausreichend genug geprüft zu haben (das allein ist schon ein die Kernkompetenzen der Kanzlei ad absurdum führender Vorwurf!), wird klar, dass sie auf Krawall gebürstet war und nur Geld sehen wollte. Durch den Gang in die Bloggerszene und weiter in die Presse wurde genau das abgewürgt. Dass JAKO und seine Anwältin damit als die Dummen dastehen, ist wirklich blöd gelaufen, lässt sich Baade jedoch nicht anlasten.

„Wir haben uns rein rechtlich überhaupt nichts vorzuwerfen“, betont Rudi Sprügel, „aber rückblickend betrachtet, wäre es viel besser gewesen, wir hätten mit Herrn Baade persönlich Kontakt aufgenommen und die Sache mit ihm direkt geklärt.“

Ob das rechtlich wirklich sauber war, kann ich nicht beurteilen. Das wäre Sache von Anwälten und Richtern, zu entscheiden, ob hier die §§ 186 oder 187 StGB anzuwenden sind. Beim zweiten Halbsatz muss man Herrn Sprügel allerdings vollumfänglich Recht geben.

„Die Verzögerung einer Antwort hänge unter anderem auch mit der Urlaubszeit und der Abwesenheit wichtiger Entscheidungsträger zusammen.“

Interessanterweise hat man solche Äußerungen auch kurz nach Bekanntwerden jeder Krise bei HRE, HSH Nordbank und Konsorten gehört. Immer waren Entscheidungsträger im Urlaub. Aber hat nicht jeder Entscheidungsträger jemanden, der ihn im Urlaub vertritt? Sonst wäre ein solches Unternehmen ja handlungsunfähig. Die Annahme, dass es sich um eine reine Schutzbehauptung handelt, liegt wohl nahe.

Der Rest der Erklärung ist mit Ausnahme der Äußerung, dass Baade aus dem gesamten Vorgang keine finanziellen Nachteile entstehen sollen, eine reine Werbeaussage. Aber etwas anderes kann man von einem Unternehmen auch nicht erwarten.

Bildblogger Stefan Niggemeier hat in seinem Blog übrigens erklärt, dass er nach dem Rechtsstreit Theo Zwanziger ./. Jens Weinreich von einer weiteren rechtlichen Vertretung durch die Kanzlei Schertz-Bergmann absehen wird. Ich bin gespannt, ob JAKO dies in Bezug auf Horn & Kollegen ebenso erklärt.

Wo wir gerade beim Fußball sind: Es tat sich Überraschendes in Köln. Der Keeper der Geißböcke, Faryd Mondragon, hat sich mal gerade gemacht und den Vertretern der Journaille in einer Pressekonferenz kräftig vors Schienbein getreten. Ihm ging die Stimmungsmache, angeführt von „Express“ und BILD mächtig auf die kolumbianischen Eier, wie die 11Freunde als einzige ihrer Zunft berichteten. Ich finde sowas gut. Ein Spieler muss keine Angst vor der Presse haben. Denn vor allem im Boulevard“journalismus“ findet man einen hohen Anteil an Leuten, deren Charaktereigenschaften ich hier nicht beschreiben darf. Die Branche zieht solches Ge***** magisch an – oder bildet es aus ehemals seriösen Leuten selbst heraus.

Womit wir bei den „Unabhängigen“ und „Überparteilichen“ wären. Unter der Woche wurde bekannt, dass Arcandor-Chef Gerhard Eick für seine 6-monatige Arbeit mit 15 Millionen Euro abgefunden wird, von denen er „großzügig“ ein Drittel für Härtefälle bei der Entlassung der Belegschaft spendete, nachdem die Zahlen die Runde machten. BILD-Kommentator Stefan Ernst lobte dieses Verhalten unter dem Aspekt, „dass weniger auch mehr sein kann“.

Ich frage mich da doch spontan, was BILD oder den Axel-Springer-Verlag mit Eick verbindet. Diese 15 Millionen Euro waren nämlich vor Amtsantritt schon ausgemacht und von Arcandor-Anteilseigner Sal. Oppenheim garantiert worden. Zu deutsch: Es wurden weitere 15 Millionen Euro im Voraus aus der Insolvenzmasse herausgelöst, die sonst an die Gläubiger gegangen wären. Das lobt Ernst als Augenmaß und bezieht auch gleich Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, dessen feuchte Übernahmeträume bei VW so heillos gescheitert sind, dass Porsche selbst vom Jäger zum Gefressenen wurde, mit ein. Ja, solche Manager muss man auch loben. Wie sollen sie sonst wieder gut bezahlte Jobs kriegen, so dass man sie nach dem Versagen dort wieder in Grund und Boden schreiben kann?

Bleiben wir mal bei den BILD-Kommentatoren. Den von Rolf Kleine bezüglich des Kriegseinsatzes in Afghanistan und der durch die Bundeswehr initiierten NATO-Bombardierung zweier von Taliban gekaperten Tanklastzüge. Er verwahrt sich gegen Vorwürfe selbst von alliierten Staaten und Untersuchungen durch UNO und afghanische Sicherheitsbehörden, verweist darauf, dass 4.300 deutsche SoldatInnen ihr Leben für ein geschundenes Land riskieren, und erklärt jeden getöteten Zivilisten zu einer Tragödie, um es einen Satz später wieder zu relativieren. Der „saubere Krieg“ sei eine Heuchelei, sagt er.

Eigentlich sagt er nichts anderes, als dass das Leben der 3.600 bis 50.000 seit 2001 umgekommenen Zivilisten weniger wert ist als das der bisher getöteten ca. 1.400 Koalitionssoldaten. Eine interessante Ansicht. Ich frage mich, wie er es wohl bei einem anderen Szenario empfinden würde. Nehmen wir spaßeshalber mal an, das Kriegsgebiet wäre Deutschland, eine Koalition aus Iran, Irak, Saudi-Arabien, Libyen und Ägypten würde für die Befreiung Deutschlands von skandinavischen Unterdrückern kämpfen, und unter den getöteten Zivilisten wären Angehörige von Rolf Kleine. Was er da wohl schreiben würde…?

Interessant finde ich übrigens seinen Schlusssatz:

Aber die größere Tragödie ist und bleibt, dass eine wildgewordene Mörderbande ein ganzes Land mit Terror und Krieg überzieht.

Ich frage mich, wen er da meint – die Taliban oder die NATO-Truppen? Vergessen wir nicht, wer sich da auf fremdem Boden rumtreibt.

Ich will damit um Gottes Willen nicht behaupten, dass Bundeswehrsoldaten Mörder seien! Ich hab ja selbst meinen Grundwehrdienst in einer Panzergrenadiereinheit geleistet, aus der Kameraden später im Kosovo eingesetzt und dort bedauernswerter Weise vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl besucht wurden – als ob es da schon nicht schlimm genug gewesen wäre! Aber: Wer von sich behauptet, moralisch die besseren Argumente zu haben, für die Befreiung eines Volkes bzw. in diesem Falle eines Vielvölkerstaates zu kämpfen und diesem eine völlig fremde und der Mentalität, Religion und Geschichte überhaupt nicht entsprechende Staatsform aufzudrücken, muss sich umso mehr untadelig verhalten, um nicht selbst als Besatzer und als Feind erkannt zu werden. Wann immer sich Politiker aus den USA, Frankreich oder Deutschland zu politischen Themen in Afghanistan äußern, betonen sie, wie wichtig die Stabilisierung und Demokratisierung des Landes sei. Wenn wir aber immer mehr Zweifel daran schüren, dass wir und unsere Staatsform tatsächlich die Besseren sind und dass man in einer Demokratie das Leben anderer achtet, gerade dann muss man dies auch konsequent tun. Dann muss das Leben Unschuldiger umso mehr heilig sein – und ein Krieg umso sauberer.

Heilig und sauber – das könnten auch Attribute sein, mit denen die Grünen die Stadtbahn umschreiben könnten. So, wie sie fast mantraartig beschworen wird. Unter der Woche stand in der Mopo, wie teuer die Strecke werden soll: 140 bis 280 Millionen Euro. Bei Hamburgern klingeln jetzt die Alarmglocken. So teuer sollte ursprünglich auch die Elbphilharmonie werden. Wir wissen: Die ist dreimal so teuer, und man muss befürchten, dass da noch was hinzu kommt. Also darf man bei der Stadtbahn auch von den doppelten bis dreifachen Kosten ausgehen. Aber Hamburg hat’s ja. Muss halt wieder Tafelsilber verkauft werden. Das hat ja beim LBK auch so gut geklappt.

140 bis 280 Millionen Euro für eine 8 Kilometer lange Strecke. Das sind 17,5 – 35 Millionen Euro pro Kilometer. Oder, zieht man die Erfahrungen mit den verkehrenden Bussen heran, bei einer im (wahrscheinlich noch zu hoch) geschätzten Schnitt gerade 50-prozentigen Auslastung der mit 210 Passagieren Kapazität angegebenen Züge 12.700 bis 25.400 Euro pro Fahrgast. Bei einem Einzelpreis von 2,70 Euro pro Fahrt muss ein Fahrgast also 2.041,17 Euro erwirtschaften – oder mehr als fünfeinhalb Jahre lang täglich fahren (ohne ein Aboticket, das ja günstiger ist) – und auch bezahlen -, bis sich diese Bahn rentiert. Und das, ohne die Betriebskosten mit einzurechnen! Der reine, grüne Symbolirrsinn! Wohl verständlich, warum zur Bundestagswahl die in meinem Kreis zur Wahl stehende grüne Kandidatin Petra Osinski nicht meine Stimme erhält…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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Eine Antwort to “Nachgebloggt (6)”

  1. Nachgebloggt (8) « Ruhelos Says:

    […] By fuxionline Erinnert sich noch jemand an den Fall JAKO vs. Trainer Baade? Beim Outdoor-Bekleidungshersteller Jack Wolfskin hat man nur bedingt etwas daraus gelernt. […]

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