Rundblick (5)

Was für ein Abend… hätte es werden können, wenn der Livestream zum Spiel Wolfsburg gegen HSV funktioniert hätte. So blieb mir ein bundesliga.de-Liveradio (mit einem anscheinend wohlkoffeinierten Kommentator) und der kicker-Ticker. Und später dann im NDR-Fernsehen die Zusammenfassung.

Ich bin wirklich überrascht, dass der HSV immer noch so in ein Spiel startet. Wieder zwei Tore in den ersten 15 Minuten. Insgesamt sind es jetzt 10 Erste-Viertelstunde-Tore von insgesamt 21 Pflichtspieltreffern. Die sind wirklich heiß wie Frittenfett! Vor allem das Wie der Tore! Allein das 0:1 war schon zum Zungeschnalzen: Langer Ball von Aogo kurz hinter die Mittellinie, Guerrero lässt für Zé Roberto abprallen, der schickt sofort Jarolim steil links an den Strafraum, Pass in die Mitte, Guerrero schleicht sich ran… gut, dass der Ball an den Pfosten kracht und von Benaglios Schulter erst ins Tor, ist ein Makel dieser Traumkombination, ändert aber am Ergebnis nichts. Ähnlich beim 0:2, wo Petric Barzagli zum Lappen degradiert, aber dann das Tor nicht macht – und Elia wurstelt sich dann mit vorbildlichem Einsatz durch. Immerhin gab es beim 2:3 nix zu meckern: Zé Roberto und Aogo blieben ungestört, und nach der Flanke holte Petric den Zucker raus. Herrliches Tor. Eigentlich nur getoppt von Romeo Castelen. Abgesehen davon, dass Boateng mal wieder die gleiche Zärtlichkeit in den Pass legt, wie man auch eine Frau behandeln sollte, hat der Castelen noch die Seelenruhe, aus spitzem Winkel den Hexer Benaglio mit dem Außenrist zu überwinden und so den Kollegen Zé Roberto, Trochowski und vor allem Guerrero vorzumachen, wie man es denn machen muss. Als wäre er gar nicht weg gewesen – geschweige denn 18 Monate.

Aber es geht auch nicht ohne Meckern, wie gegen Dortmund. Das zwischenzeitliche 2:2 war mindestens „unschön“. Vor allem wieder einmal die Abwehrfehler. Dass Trochowski vor dem 1:2 die Flanke nach außen rausköpft – völlig richtig. Allerdings reagieren die Kollegen danach zu zaghaft. „Troche“ geht zwar auf Schäfer, aber Boateng ist viel zu weit weg von dessen Doppelpasspartner Grafite und stört ihn überhaupt nicht. Rozehnal rückt rein, weil Zé Roberto gegen Schäfer zu spät dran ist, und plötzlich sind am Fünfer zwei frei, und Misimovic drückt ihn rein. Elia steht zwar dahinter, aber auf welchen von beiden sollte er draufgehen? Klassisches Untergewicht in der Mitte durch zu zögerliches Rausrücken und schlechte Übergaben. Beim 2:2 sieht’s ähnlich aus. Da kriegt Elia außen eine Klärung und verliert das Leder sofort wieder. Aogo kommt gar nicht so schnell zum Gegenspieler, der sofort flankt, und in dem Moment war das Gegentor klar. Denn nach der Flankenabwehr rücken alle raus – nur Mathijsen orientiert sich als erster nach hinten und hebt so eine mögliche Abseitsposition von Martins wieder auf. Bleibt er einfach nur stehen, während die Kollegen ebenfalls noch Richtung Mittellinie traben, kann der Assi an der Linie nur die Fahne heben.

Das sind die Mankos, die Labbadia abstellen muss:

  • unnötige Fehler und Ballverluste, die eine schnelle Chance ermöglichen,
  • ungeordnete Bewegung bzw. Laufwege nach Balleroberung, und
  • mangelhafte Abstimmung in der Defensive.

Ich hätte meine Analyse gern bildlich untermalt, darf ich allerdings nicht. Und vielleicht darf ich bald nicht mal mehr Bilder vom Frauen- und Mädchenfußball hier zeigen. Grund dafür ist eine Klage des Norddeutschen Fußball-Verbandes gegen das Portal „MyHeimat“ und andere und beruft sich dabei auf ein noch nicht rechtskräftiges Urteil des OLG Stuttgart im Fall des Württembergischen Fußball-Verbandes gegen die „Hartplatzhelden“. DFB und Landesverbände meinen, dass sie die Spiele veranstalten, also haben sie auch die alleinigen Vermarktungsrechte, und man solle dafür das Portal fussball.de verwenden.

Abgesehen davon, dass ich fussball.de so übersichtlich finde wie die Inhaltsstoffe in einem analogkäsegeschwängerten Tiefkühl-Cordon-Bleu vom Discounter, sehe ich auf der Seite vor allem Werbung. Beim Aufruf gerade eben für Betreiber Deutsche Telekom, ein Colbie Caillat-Album, eine private Krankenversicherung, eine Bank (als Sponsor eines Fairnesspreises), einen Ticketverkäufer, ein Online-Auktionshaus, eine Supermarktkette, einen Sportartikelvertrieb und ein Druckunternehmen. Und ich vermute mal, dass diese Seite nicht bloß einvernehmlich betrieben wird nach dem Motto: Kostenlos für den DFB, Werbeeinnahmen für die Telekom. Ich gehe davon aus, dass Obermann und Co. dafür Geld kriegen, dass die Telekom als Dienstleister auftritt. Und mit dem Verweis auf die Vermarktung selbst von Amateur- und JuniorInnen-Spielen kann man nur noch zu einem Schluss kommen: Dass der DFB kein Verein, sondern ein Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht ist. Sollte das zuständige Finanzamt in Frankfurt/Main genau auf diesen Dreh kommen und den gemeinnützigen Status aberkennen, haben viele Sportvereine möglicherweise das gleiche Problem, immerhin sind sie Mitglieder der Landesverbände und die wiederum Mitglieder eines Unternehmens mit Gewinnerzielungsabsicht. Spinnt man diese kausale Kette weiter, könnte Sport in Deutschland, vor allem der Fußball, für die Aktiven sehr, sehr teuer werden. Und zwar nicht bloß für Profis. Denn ohne Gemeinnützigkeit gelten andere Steuersätze. Die Beiträge dürften allein zum Aufbringen der Steuern steigen, und Steuerberater muss der Verein dann auch noch bezahlen. Abgesehen davon, dass der DFB unentgeltlich die Werke anderer vermarkten will. Denn wenn ich ein Foto mache, ist das Motiv mein Werk. Ich soll es dem DFB zur Vermarktung bereitstellen, kriege dafür aber kein Geld. Der DFB schon. Die Mitgliedsvereine jedoch nicht. Was der DFB u.a. mit dem Geld bezahlt, kann man übrigens hier nachlesen…

Da kriegt man doch das kalte Kotzen. Das kennt Springer-Vorstand Mathias Döpfner wohl auch, nachdem sein „Springer-Tribunal“ schon im Vorlauf in die Hose gegangen ist. Vollmundig war angekündigt worden, man wolle mit den damaligen Gegnern der Studentenproteste rund um das Jahr 1968 sprechen und dies aufarbeiten. Sogar die Fehler, die man seinerzeit im Hause Axel Springer Verlag gemacht habe. Die dafür auserkorenen Daniel Cohn-Bendit, Christian Semler (Freund von Rudi Dutschke) und Schriftsteller Peter Schneider sagten allerdings ab. Man muss kein Prophet sein, um sich auszurechnen, wie dieses „Tribunal“ wohl ausgegangen wäre (es reicht völlig, regelmäßig Bildblog zu lesen): Die Springer-Seite hätte sich wahrscheinlich mit aller Kraft reinzuwaschen und eigene „Fehler“, die zur Gewalteskalation (und auch zum Tod des Studenten Benno Ohnesorg und der folgenden Bildung der RAF) beigetragen hatten, zu bagatellisieren. Und jetzt, da die Werkzeuge dieser Reinwaschung nicht mitspielen, sind die Herren Döpfner und Thomas Schmid (Chef der Springer-Zeitung WELT und Initiator des „Tribunals“) öffentlich beleidigt.

Übrigens: Ein Tribunal ist der Wikipedia-Definition nach ein Gerichtshof mit einer räumlichen Erhebungl, die die Legitimation zur Machtausübung symbolisiert. Nun kann man sich denken, dass Döpfner und Schmid wohl kaum die damaligen Studenten aus erhöhter Position über den Axel-Springer-Verlag „richten“ lassen wollten. Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein, forderte doch der ASV eine Entschuldigung genau dieser ehemaligen Studenten nach den Kurras-Enthüllungen. Wer aber geht schon zu seiner eigenen öffentlichen Hinrichtung, wenn er nicht muss?

Herzlichst,
Euer Fuxi

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